Der Wolf als Kunstwerk in der Art Edition!
Eine wahre Wolfsgeschichte aus Deutschland
(www.zeit.de)
| Nachkriegszeit Das Monster im Moor Eine geheimnisvolle Jagdgeschichte aus den Hungerjahren der dunklen deutschen Nachkriegszeit Es war ein milder, nasser Winter, und der viele Regen hatte einige Flüsse über die Ufer treten lassen. Doch davon abgesehen, lagen die niedersächsischen Lande in stiller, trüber Nachkriegsruhe, und nichts ließ auf all das Rätselhafte schließen, das im neuen Jahre 1948 hier noch geschehen würde. Seltsam nur, wie sich in jenem Winter in den Landkreisen Neustadt, Nienburg und Fallingbostel die Wildverluste häuften. Man schrieb sie streunenden Hunden zu. Tatsächlich beobachtete ein Jäger in der fahlen Abenddämmerung im Lichtenmoor einen »großen grauen Hund«, der auffliegende Enten hetzte, sie verfehlte, dann blitzschnell über einen hohen Drahtzaun sprang und verschwand. Außer dem Waidmann, der sich sehr darüber ärgerte, dass Deutsche in der britischen Besatzungszone keine Waffen tragen durften, interessierte das niemanden. Mit Beginn der Weidesaison wurde nachts sogar Vieh gerissen, doch auch das erregte kaum Aufsehen. Zu selbstverständlich, so schrieb die Hannoversche Presse später, »nahm man an, dass es sich um eine neue Methode in der Schwarzschlachtung handele.« Ein naheliegender Schluss. Zu Anfang des dritten Jahres nach Kriegsende wird immer noch derart gehungert, dass es in der nahen Landeshauptstadt Hannover deshalb sogar zu Demonstrationen kommt. Besonders Fleisch und Fett sind Mangelware. Am Ende des Wirtschaftsjahres 1947/48 stehen dem darbenden niedersächsischen Normalbürger 100 Gramm Fleisch zu – im Monat. Der Schwarzmarkt floriert, Hunderttausende gehen auf Hamsterfahrt übers Land. Doch selbst die Bauern haben Probleme: Sie dürfen ihre Tiere nicht verwerten. Vieh ist bewirtschaftet, muss registriert und abgeliefert werden. Schwarzschlachten wird zwar nicht mehr, wie im just untergegangenen »Dritten Reich«, schwer bestraft, aber immer noch mit spürbaren Sanktionen geahndet. Wildern ist wegen des Waffenverbots auch nicht ganz einfach. Anfang Mai sterben nachts einige Schafe, ein Rind verblutet an einer aufgerissenen Hinterkeule. Das kann nur der wildernde Hund gewesen sein. Jetzt muss die Polizei ran. Als sich Gendarm Karl Quiatkowski in Rodewald bei Nienburg an der Weser am 18. Mai gerade zur Mittagsruhe niederlassen will, klopft das Schicksal an, »dreimal hart an die Tür«, wie später ein Extrablatt berichtet. Ein aufgeregter Bauer: »Min Rind is nu ock kaputte!« Warum sind die Beinknochen wie mit einem Beil abgehackt? Das Opfer liegt auf der linken Seite, wieder ist die rechte Hinterkeule aufgerissen. Doch der erfahrene Kriminalist stutzt: Die Wundränder sind auffallend glatt und sauber, »wie mit einem Messer geschnitten«, während die Bisse aller Hundeartigen charakteristische schwere Quetschungen verursachen. Man einigt sich darauf, das Tier als Köder zu opfern, um das räuberische Wesen endlich zu erwischen. Obwohl hungrige Hunde zu ihrer Beute zurückkehren und obwohl auch sie zu dieser Zeit sehr hungrig sind, wird das Rind nie mehr angerührt. Quiatkowski sieht sich bestätigt: »Das ist kein Hund.« Auch der 61-jährige Bauer Hermann Gaatz aus Eilte, ein leidenschaftlicher und erfahrener Jäger, kann nicht umhin, sich sehr über das zu wundern, was ihm ein Jagdfreund über den kollektiven Tod von gleich zwanzig Schafen erzählt. Der Mann »meinte, dass das Hunde nicht allein gemacht haben könnten, denn die Beinknochen wären wie mit einem Beil abgehackt, dabei müssten auch Menschen geholfen haben. Ein anderer Nachbar berichtete mir, dass er morgens in aller Frühe zwei Schafe gefunden hätte, die vollständig aus dem Fell geschlagen waren, ein Schlachter hätte das nicht besser machen können, denn das Fell wäre völlig unversehrt gewesen. Das könnten keine Hunde gemacht haben.« Fortan schlägt der mysteriöse Killer unablässig zu, und das innerhalb eines schwer zugänglichen Gebietes von etwa dreißig Quadratkilometern. Nie wird er gesehen, nie kehrt er an einen Riss zurück, nie beachtet er einen Köder. Jetzt wächst die Unruhe. Was, wenn er auch Menschen anfällt? Deutsche Jäger bekommen erstmals britische Gewehre zugeteilt, Drückjagden werden veranstaltet. Vergeblich. Als Nächstes wird, eigens für das Phantom, auch die deutsche Polizei bewaffnet. Die jedoch stößt an einem frühen Junimorgen lediglich auf Beutegreifer der ganz besonderen Art: auf eine »internationale Jagdgesellschaft – englische und deutsche Behördenbeamte mit ihren Damen aus Hamburg –, die von ihren Büchsen bereits Gebrauch gemacht und einen alten Hofhund erlegt hatten«, wie die Hannoversche Presse berichtet. Auch die Journalisten rüsten nun auf und finden zum bewährten Frontbericht zurück: »Der Würger ist überall. Heute im Osten, morgen im Westen. Einmal findet man sein Opfer zwanzig Meter vom Schlafzimmerfenster eines Bauern entfernt, ein anderes Mal vierhundert Meter vom ansitzenden Jäger. Mägde weigern sich, allein auf die Weiden zu gehen, die Bauern bewaffnen sich mit Knüppeln. Der Würger ist Herr der Lage.« Bald werden nicht nur »riesengroße« Spuren, sondern so ziemlich alle Raubtiere gesichtet, die Brehms Tierleben hergibt. Und noch einiges mehr: Die Kripo fahndet nach einem Sadisten mit Hund und nach Fleischräuberbanden. Bauern flüchten in Panik vor aufspringenden Rehböcken. Als ein Landwirt vom Trecker aus eine Löwin oder einen Puma mit drei Welpen erspäht, schickt Hagenbecks Tierpark in Hamburg den berühmten Großwildjäger Hein Oberjohann zur Safari. Als PR-Aktion ein voller Erfolg: einmal, weil Oberjohanns Verpflegung aus einem Straußenei besteht, zum anderen, weil sich bis zu vierzig Reporter gleichzeitig an die Fersen des khakibemützten Afrika-Veteranen heften. Zwei Übertragungswagen von Radio Bremen rumpeln über die Sandwege. Oberjohann zieht zwar ab, ohne mehr als Spuren gesehen zu haben, aber immerhin nicht ohne Beute: In der Löwenfalle sitzt ein Dachs. Oberjohanns Fazit, exklusiv im Spiegel: »Ein ganz raffinierter Hund!« Das glauben inzwischen auch andere. Der Schwiegersohn von Hermann Gaatz beobachtet ein »mächtiges« hellgraues Tier, das er für einen illegitimen Nachkommen seines treuen Begleiters Harras hält. In Anwesenheit des Landwirtschaftsministers und stellvertretenden Ministerpräsidenten spricht der Oberforstmeister Ernst-August Freiherr von Hammerstein es dann vor einer Bauern- und Jägerversammlung aus, das Wort, den schrecklichen Verdacht: ein Wolf. Aber wie wäre das möglich? Der Wolf gilt in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts als ausgerottet. Aus Osteuropa wechseln sporadisch einzelne Rüden ein, die auf Partner- und Reviersuche sehr weit wandern. Wölfe sind Karnivoren und verzehren durchschnittlich zwei Kilogramm Fleisch am Tag, nach Hungerzeiten beträchtlich mehr. Die dämmerungs- und nachtaktiven Ausdauerläufer können pro Streifzug gut vierzig Kilometer in ihrem typischen »schnürenden« Trab zurücklegen, notfalls weit mehr. In den Sprints, mit denen sie attackieren, erreichen sie fast sechzig Stundenkilometer, wie ein Rennpferd. Haben sie nicht sofort Erfolg, brechen sie den kräftezehrenden Angriff ab, und oft müssen sie lange hungern. Treffen sie auf ungeschütztes Weidevieh, ist ihr Beutetrieb daher so stark, dass sie weit mehr reißen, als sie fressen können. Für Menschen sind Wölfe dagegen keine Gefahr, denn die ständige Verfolgung hat die ohnehin sehr vorsichtigen Wildtiere extrem scheu gemacht. Doch mehr als die Fakten zählt die Fama. Der Wolf ist kein normales Tier, sondern der meistgefürchtete, meistgehasste Vierbeiner Europas, ein Dämon, dem sogar Brehms Tierleben »ungeheuerliche oder gespenstige Eigenschaften« zuschreibt. In frühen Kulturen ist sein Bild noch ambivalent: Den germanischen Göttervater Odin begleiten zwei Wölfe, in antiken Mythen tritt der kluge wilde Hund als Helfer und Beschützer auf, gilt als geheimnisumwitterter Mittler zwischen der diesseitigen Welt und dem Jenseits. Im Mittelalter indes, als die Landwirtschaft Wald und Wild immer weiter zurückdrängte, begann sich die Lebenswelt von Mensch und Wolf zu überschneiden. Für Viehbauern wurde der anpassungsfähige Jäger zum existenzbedrohenden Erzfeind. Für die allmächtige Kirche repräsentierte er ohnehin den Gottseibeiuns. Sein weithin hallender Kontaktruf, sein »Heulen« war der Beweis dafür, dass er mit dem Teufel im Bunde war. Der wesentlich gefährlichere Braunbär wurde und wird nie derart verabscheut. Seine rundliche Gestalt entspricht dem begütigenden Kindchenschema, und seine Äußerungen gelten gern als gemütliches Brummen. Der Wolf aber, mager, spitzschnäuzig, gelbäugig und heimlich, war und ist die lebende Antithese dazu, die perfekte Verkörperung menschlicher Urängste. Auch Mitte des 20. Jahrhunderts galt er noch als »Inkarnation des Bösen«. Und wo so etwas herkommt, wusste damals jeder: aus dem Osten. Die größte Treibjagd in der Geschichte Niedersachsens zieht los Landser, so wird gemunkelt, hätten von der russischen Front einen »sibirischen« Wolfswelpen mitgebracht und ausgesetzt. Dankbar nimmt die Presse diese Spekulationen auf und spinnt sie weiter. Schließlich ist Hannover 1948 eine deutsche Zeitungsmetropole. Im Anzeiger-Hochaus rivalisieren die SPD-eigene Hannoversche Presse, ein neu gegründetes Nachrichtenmagazin, Der Spiegel, und Henri Nannens stern. Konkurrenz macht ihnen das Wochenblatt die strasse, herausgegeben von einer für diese Zwischenzeit typischen bunt gemischten Truppe publizistischer Glücksritter, vom ehemaligen SS-Mann bis zum Brecht-Freund. Mit dem »Würger vom Lichtenmoor« (wie ihn die strasse nennt) ist ein Megathema gefunden. Am 13. Juni bläst die Obrigkeit zum Halali, zur bis heute größten Treibjagd Niedersachsens. 1500 Treiber, 70 Berufsjäger und ein martialisches britisch-deutsches Großaufgebot wollen das Geheimnis lüften. Als um 2.30 Uhr die erste Leuchtkugel an der einsamen Birke aufsteigt, die den Mittelpunkt des Kessels markiert, ist die (Hannoversche) Presse an vorderster Front dabei: »Ein wahres Heer – mit Kradmeldern, Offizieren, Trompeten und Gewehren – marschiert. Hohe englische Offiziere sind erschienen. Sie haben Jägerhüte auf dem Kopf, Gewehre auf dem Rücken, Hunde an der Leine und Dolmetscherinnen im Volkswagen. Sie wollen den ›Tiger vom Lichtenmoor‹ schießen. Sie schießen ihn aber nicht.« Dass der martialische Ton in Spott übergeht, kommt nicht von ungefähr. Denn die beiden Reporter hatten sich einen Spaß erlaubt. In der Morgendämmerung klauten sie einen ausgestopften Zoolöwen aus dem Vorgarten eines Lehrers, stellten das Präparat in ein Getreidefeld und amüsierten sich darüber, »wie britische Soldaten das Tier entdeckten und wild drauflosfeuerten. Da es aber nicht umfiel, traute sich niemand heran.« Während die Briten hastig Verstärkung holten, wurde der Löwe umplatziert. Wieder schossen die Briten vergeblich, wieder trauten sie sich nicht heran. Bevor die nächste Patrouille anrückte, war das Tier schon wieder im heimatlichen Garten. Gedruckt wurde dieser Teil der Geschichte damals allerdings nicht. Begründung des Chefredakteurs: »Die Engländer werden sonst [Ministerpräsident] Hinrich Wilhelm Kopf nie wieder helfen.« Das große Treiben geht aus wie’s Hornberger Schießen. Alles lacht – doch noch in derselben Nacht sterben mitten im Jagdgelände zwei Rinder. Die Sache wird immer unheimlicher. Sogar der legendäre Werwolf, das mörderische Mischwesen aus Mann und Tier, wird jetzt im Lichtenmoor vermutet. Was einen britischen Major zu der lakonischen Bemerkung veranlasst: »Well, dann wird er entnazifiziert!« Immerhin: Die Behörden beschlagnahmen das Fleisch der Opfer nicht. Trotz der inzwischen einsetzenden Sommerhitze kann man es gewinnbringend verwerten. Schließlich tötet das entgegenkommende Phantom die Rinder durch Risse an der Hinterkeule, sodass zumindest dieses wertvolle Stück Fleisch schnell ausblutet. Dann lässt der einsame Jäger die Beute fast unberührt liegen, die Herde stehen und macht sich unverzüglich wieder auf die leisen Pfoten, um weit entfernt das nächste Tier zur Strecke zu bringen. Auf dem Schwarzmarkt bringt eine Wurst eine ganze Stange Zigaretten ein, ein Vermögen also, und nach Qualität oder Fleischhygiene fragt niemand. Selten dürfte ein Monster so vielen so gelegen gekommen sein. »Wir waren doch alle froh«, sprach später ein Zeitzeuge es aus, »wenn wir satt wurden. Da wurde wahrscheinlich bei so manchem Sonntagsbraten auch auf das Wohl des Würgers angestoßen.« Die Militärverwaltung scheint inzwischen zu ahnen, dass man hier, sozusagen unter dem Patronat des Ungeheuers, illegal Vorräte anlegt. Im Juni, auf dem Höhepunkt des Rindermordens, dekretiert sie unmissverständlich: »In den kommenden Monaten wird die Fleischzuteilung nur aus dem natürlichen Zuwachs entnommen werden, weil weitere Eingriffe in die stark reduzierten Viehbestände eine Demontage der Landwirtschaft bedeuten würden.« Zu unübersehbar ist die verblüffende Fähigkeit des Untiers geworden, sich den Marktzyklen anzupassen. Eine Statistik verzeichnet für den Sommer 1948 58 Rindermorde, anderswo ist sogar von 65 Rissen die Rede. Im Mai und Juni, zur letzten Hochzeit des Schwarzmarkts, sterben die meisten Tiere: mindestens 15 in den letzten drei Maiwochen, 24 im Juni. Ausgerechnet in den kürzesten, hellsten Nächten, in denen Bauern, Jäger und Polizei ständig auf der Lauer liegen, schlägt der Räuber am heftigsten zu. Doch dann plötzlich ändert sich sein Verhalten. Am 18. Juni wird, nach strikter Geheimhaltung, die Währungsreform angekündigt, drei Tage später die D-Mark eingeführt. Kurz steigt die Mordrate noch einmal an – sieben tote Rinder in einer Woche –, um dann rapide zu sinken. Nur noch zehn Rinder im ganzen Juli, in den schon dunkleren Augustnächten neun. Mag sein, dass der Termindruck dem Würger zugesetzt hat, soll er doch im gleichen Zeitraum noch »über 100 Schafe« getötet, »unzählige« Weidetiere verletzt und »unermeßlichen Wildschaden« angerichtet haben. Dass er dabei viele seiner Opfer mit seltsam glatten und scharfen Schnitten zerlegte, auf die raubtiertypische ausgiebige Verdauungspause stets verzichtete, sofort wieder auf Jagd ging und gelegentlich sogar fast zeitgleich an zwei Orten Beute machte, dürfte ziemlich einmalig dastehen. Ebenso einige andere Mirakel, die er vollbracht haben soll: Mit Rehen im Fang, die halb so schwer waren wie er selbst, soll der Unhold etwa breite Sandwege »spurlos« übersprungen haben. Dass »zentnerschwere« Rinder von dem Einzeltier angeblich »acht Meter weit« geschleift wurden, legt ebenfalls die Vermutung nahe, dass zwischen Weser und Aller mehr als nur ein Würger auf Beute ausging. Wer nur kann diesem Höllenspuk ein Ende machen? Zum Glück gibt es da noch Hermann Gaatz. Er gehört zu den wenigen Bauern, denen die Briten eine Waffe zugeteilt haben. Er ist überzeugt, dass der scheue Usurpator ein Wolf ist, ein Wolf, der sich an feste Wechsel hält. Inmitten der einsamen, wildreichen Schotenheide baut er sich, gegen allen Expertenrat, einen kleinen Hochsitz und sitzt allabendlich auf der Lauer, in der Hand ein englisches Militärgewehr mit deutschem Zielfernrohr und einem stumpf gefeilten Vollmantelgeschoss im Lauf. Wochenlang wartet er so, bis er am Freitag, dem 27. August, im letzten Abendlicht plötzlich einen grauen Schatten auf äsende Rehe zugleiten sieht. Als der Schemen stutzt, sichert, den Kopf hochwirft, hat Gaatz auch schon geschossen. Es ist bereits halb zehn und für die Nachsuche zu dunkel. Der Jäger radelt, zitternd vor Aufregung, nach Hause. Als er einem Nachbarn erzählt, er habe eben auf »dat Undeert« gefeuert, weiß der sofort, was er zu tun hat: Er ruft die Redaktion der Welt in Hannover an. So ist die Presse bereits informiert, als der Schütze am nächsten Mittag, nach einer schlaflosen Nacht und langer Nachsuche, den »schönsten Anblick und Augenblick meines langen Jägerlebens« mit einem »dreifachen Horrido« würdigen kann: »Lang ausgestreckt, mit weit aufgerissenem Rachen, lang heraushängender blutiger Zunge, dolchartigen, starken Fangzähnen, so lag der blutgierige, stolze, starke Räuber in einer kleinen Mulde auf der blühenden Heide.« Die Polizei nimmt, neben Gipsabdrücken von den Pfoten, die Personalien auf: Länge von der Nase bis zur Schwanzspitze 1,70 Meter, Schulterhöhe 85 Zentimeter, Gewicht 95 Pfund, Fangzähne 3 Zentimeter. Ein Jäger ist sich sofort sicher, dass es sich um einen »großen sibirischen Wolf« handelt, »den man in Rußland Pferdewolf nennt«. Experten identifizieren später einen reinrassigen Rüden, mit etwa sechs Jahren zwar schon über die Blüte eines anstrengenden Raubtierlebens hinaus, aber der vermutlich stärkste Wolf, der je in Deutschland geschossen wurde. Die Leiche wird entführt und in einem Kofferraum entdeckt Der bis heute berühmteste allemal. Extrablätter erscheinen. Über das kleine Eilte bricht eine tagelange Völkerwanderung herein. Der »Würger vom Lichtenmoor« ist tot, doch der Krimi geht weiter. Die Leiche wird entführt. Der »Wolfstöter« will sie, zur ewigen Erinnerung, dem Landesmuseum stiften und vereinbart mit Oberforstmeister Freiherr von Hammerstein die Übergabe. Zur vereinbarten Zeit erscheinen zwei seriös wirkende Herren, stellen sich als »Dr. Soundso« vor und packen den Kadaver ein. Dann bleibt er spurlos verschwunden, zwei heiße Tage lang. Der argwöhnische Oberforstmeister hat schließlich die richtige Nase: Auf dem Parkplatz des Anzeiger-Hochhauses in Hannover erschnüffelt er das »anrüchige Gepäck« im Kofferraum eines Reporter-VWs. Was der Zeitungsmann damit vorhatte, bleibt rätselhaft. Die Haare fallen dem Kadaver inzwischen büschelweise aus, zum Präparieren ist es zu spät. Das Fleisch wird neben dem Museumsgebäude verscharrt, der Penisknochen ziert den Schreibtisch des Kustos. Das Landesmuseum stellt einen Gipsabguss des Kopfes aus, fellüberzogen und mit blitzend weißen falschen Zähnen. Generationen niedersächsischer Schulkinder starren die makabre Trophäe nun offenen Mundes an, während Lehrer mit Wochenschau- Timbre in der Stimme das mörderische Treiben des blutrünstigen Würgers heraufbeschwören. Bis 1956 wandern noch mindestens vier weitere einsame Wolfsrüden ins Land zwischen Weser und Aller ein; sie werden vergleichsweise unbeachtet zur Strecke gebracht. Die Zeiten haben sich geändert. Die D-Mark floriert, die Bürger der jungen Bundesrepublik widmen sich hingebungsvoll dem großen Fressen, Fleisch gibt es wieder in Fülle. Und ein »Würger« wird nicht mehr gebraucht. Susanne Wiborg ist Journalistin und lebt bei Hamburg, ihr Bruder und Journalistenkollege Jan Peter Wiborg am Steinhuder Meer |
Grauwolf In Kanada sagt man zum Herbst Indianersommer. Wenn die heiße Sommerzeit mit ihrer Mückenplage vorüber ist, schmücken sich im September die Wälder mit allen Farben der Palette. In tiefem Rot über alle Arten von Braun bis zum grellen Gelb leuchten dann die Laubbäume, Büsche und Gräser. Doch des Nachts sinken die Temperaturen schon etliche Grade unter Null. Auch während der Tageszeit kann schon leichter Frost herrschen. In dem in einer Waldlichtung gelegenen Holzfällerlager, von dem ich schon in meiner ersten Geschichte erzählte, herrschte reges Leben. Die Zeit des Holzeinschlages, die bis zum zeitigen Frühjahr dauerte, war angebrochen. Bald schallten der Lärm der Motorsägen und das Krachen der fallenden Bäume durch die Stille des kanadischen Waldes. Die Männer, die der harten Arbeit des Holzfällens nachgingen, hatten kaum ein Auge für die Naturschönheiten ringsumher. Als der erste Schnee fiel, hatte ich mich längst an das harte Leben hier gewöhnt. War die Tagesnorm geschafft und eine kräftige Mahlzeit eingenommen, wurde noch eine Weile erzählt oder Karten gespielt. Doch dann suchte jeder seine Schlafkoje auf. Ich musste schon einige Stunden geschlafen haben, als ich im Unterbewusstsein ein Heulen Zu hören glaubte, das dem eines Wolfes ähnlich war. Doch ich war zu müde, so dass ich wie- der fest einschlief. Zur Mittagszeit traf ich Long Nose, unseren Lagerverwalter. Er kam auf mich zu und fragte mich aufgeregt, ob ich in der vergangene Nacht das Heulen eines Wolfes vernommen hätte. Ich bejahte die Frage. Die Erregung des Mannes war mir unverständlich, bis er mir erklärte, dass sich in dieser Gegend noch nie ein Wolf sehen ließ. Er bewohnte diese Gegend schon seit vielen Jahren, aber Wölfe waren ihm noch nicht zu Gesicht gekommen. Das fand ich recht seltsam, denn andere für Kanada typische Tierarten wie Karibus, Baumstacheltiere, Waschbären, Erdhörnchen hielten sich hier noch auf. Auch Wölfe waren zur damaligen Zeit in Kanada nichts Außergewöhnliches; wer weiß, welchen Grund sie hatten, dieses Gebiet zu meiden. Da jetzt meine Neugier geweckt worden war, versprach ich dem Lagerverwalter, in den nächsten Nächten besser acht zu geben. Die Sonntage verbrachte ich meistens in der Blockhütte meines Indianerfreundes und seiner Frau; dabei wurde es immer reichlich spät. In dieser Jahreszeit war es ein wunderbares Erlebnis, der Fütterung von wenigstens zwei putzend Wapitihirschen beizuwohnen, die mein alter Freund jeden Winter durchführte. Ich hatte mich also so gegen Mitternacht verabschiedet und machte mich auf den Heimweg zum Lager, als plötzlich aus nicht sehr großer Entfernung das Heulen eines Wolfes zu hören war. Ich blieb stehen und rührte mich nicht vom Fleck. Das Geheul konnte nur von einem einzelnen Tier stammen. Es entfernte sich und kam doch wieder näher heran. Da Wölfe ja Rudeltiere sind, war es recht seltsam, dass nur ein einzelnes Stück sich hier aufhielt. Langsam und vorsichtig ging ich dem Wolf entgegen. Bis jetzt konnte ich seine Spur im Schnee nicht ausmachen, obgleich der Mond die Umgebung fast taghell erleuchtete. Ich wollte gerade die Suche nach dem Tier aufgeben und den Rückzug antreten, da sah ich nur fünfzehn Schritte vor mir im hellen Mondlicht einen prächtigen Grauwolf stehen. Was sollte ich jetzt unternehmen? Ich entschloss mich, auf ihn zuzugehen, da das Tier seltsamerweise nicht flüchtig wurde, was sonst jeder andere Wolf getan hätte. Ich hielt ihm meine vorgestreckte Hand entgegen, und er ließ mich bis auf fast fünf Schritte an sich herankommen. Erst dann ging er langsam zurück. Als ich ruhig auf ihn einsprach, spitzte er seine Ohren, die menschlichen Laute schienen ihm bekannt Zu sein. Ich redete weiterhin auf ihn ein, entfernte mich dabei aber langsam und später etwas schneller in Richtung auf unser Lager. Es war kaum zu glauben, aber der Wolf folgte mir in einem gewissen Abstand, ohne mich dabei aus den Augen Zu lassen. Schon lichtete sich der Wald etwas, und die Umrisse der Blockhütten des Lagers waren bereits Zu erkennen. Plötzlich blieb das Tier stehen, heulte leise vor sich hin und legte sich in den Schnee. Ihn weiterzulocken, gelang mir in jener Nacht nicht mehr. Viel geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht. Wie kam es, dass dieser Wolf kaum Scheu vor den Menschen besaß ? Am nächsten Morgen war an Bäumefällen im Walde nicht zu denken, da ein heftiger Schneesturm tobte. Mir ließ der Grauwolf aber keine Ruhe, und ich musste versuchen, ihn wieder zu finden. Nachdem ich mir ein Stück Wildfleisch im Küchenmagazin hatte geben lassen, suchte ich die Stelle auf, wo ich den Wolf verlassen hatte. Es war ziemlich schwierig, wegen der Schneeverwehungen den Platz wiederzufinden. Aber ich brauchte gar nicht zu suchen. Ungefähr dort, wo ich den Grauwolf verlassen hatte, trat er aus dem Gebüsch heraus. Er schüttelte sich den Schnee aus dem Pelz und kam mir ohne Scheu entgegen. Ich hielt ihm das Fleisch hin, und langsam kam er näher und näher. Dann sprang er plötzlich auf mich zu und riss mir den Fleischbrocken aus der Hand. Zuerst war ich natürlich erschrocken, doch bald überkam mich ein großes Glücksgefühl. Es war mir in freier Wildbahn gelungen, einen ausgewachsenen Wolf aus der Hand zu füttern. In kurzer Zeit hatte er seine Mahlzeit beendet und folgte mir zum Lager. Ich unterrichtete meine Arbeitskollegen, und sie ver- sprachen mir, das Tier nicht zu verjagen oder zu verärgern. So hielt sich der Grauwolf, wie ich ihn genannt hatte, während der ganzen Winterzeit in der Nähe unseres Camps auf. In das Innere des Lagers oder in ein Haus ließ er sich jedoch niemals locken. Den eigentlichen Grund für seine Anhänglichkeit habe ich nie in Erfahrung bringen können. Vielleicht ist er als Welpe von Menschen aufgezogen worden? Durch irgendwelche Umstände musste er seine Pfleger verloren haben und war so Zu einem Einzelgänger geworden. Wir hatten uns alle an ihn gewöhnt. Er bedeutete für uns eine Abwechslung in der Einsamkeit. Der lange kanadische Winter ging seinem Ende entgegen, und die ersten Anzeichen des nahenden Frühlings machten sich bemerkbar. Der Ruf der Kanadagänse erscholl wieder auf dem Bergsee. Nun hieß es, bald Abschied Zu nehmen und die schönen kanadischen Wälder zu verlassen. Mein indianischer Freund hatte mir versprochen, sich um den Grauwolf zu kümmern, denn es bestand ja die Möglichkeit, dass das Tier sich hier noch längere Zeit aufhalten würde. Einen Tag vor meiner Abreise machte ich wie üblich die Fleischration für den Wolf fertig und wollte ihn noch einmal füttern. Als ich den Futterplatz erreichte, ließ sich der Grauwolf nicht sehen. Das war in der ganzen Zeit seines Aufenthaltes noch nie vorgekommen. Ich wartete lange auf ihn, aber er kam nicht. Auch am nächsten Tag war meine Suche nach dem Grauwolf umsonst. Wahrscheinlich hatte er, weil es Frühling werden wollte, Anschluss an ein Rudel gesucht. Aus dem Buch "Begegnungen mit Tieren" von Alfred Ho |
| Gesetz des Dschungels - Dies sind die Gesetze der Dschungel, so alt und so wahr wie das Licht; Der Wolf, der sie hält, wird gedeihen und der streben der Wolf der sich bricht. Lianengleich schlingt das Gesetz sich, voran und zurück, auf und ab; Die Stärke des Packs ist der Wolf, und die des Wolfes ist das Pack. Wasch täglich von Kopf bis Schwanz dich- trink tief, aber trink mit Bedacht; Und wisse bei Tag sollst du schlafen, und jagen sollst du bei Nacht. Der Schakal mag folgen dem Tiger, doch Kind, wenn gewachsen dein Bart, Bedenke, der Wolf ist ein Jäger- such Nahrung, wie ´s ziemt deiner Art. Halt Ruh mit dem Tiger und Panther, dem Bären, der Dschungel Herrn, Und störe nicht Hathi, den Stillen, dem Eber im Lager bleib fern. Wenn Pack stößt auf Pack in der Dschungel, wer fügt sich, wer weicht zur Seit? Lieg still, bis die Führer geredet, gut Wort oft schlichtet den Streit. Bekämpfst du den Wolf aus dem Pack, kämpf fernab und kämpfe allein, Sonst frisst der Streit auch die andren und lichten befreundete Reih´ n. Die Höhle des Wolfes ist ihm Zuflucht, und schuf er sie sich zum Heim. Darf keiner das Hausrecht verletzten, weder Leittier noch Rat tritt ein. Die Höhle des Wolfes ist ihm Zuflucht, grub er sie zu offen am Licht, So macht ihm der Rat durch den Boten das Wechseln der Höhle zur Pflicht. Und wenn ich vor Mitternacht jaget, so weckt nicht den Wald mit Geschrei, Denn schnell flieht das Wild aus den Ähren, eure Brüder gehen leer aus dabei. Für dich und den Wurf, für die Wölfin töt reichlich, doch niemals zur Lust, Und siebenmal: Töt nicht den Menschen, der Satzung bleibe bewusst! Nicht ganz verschlinge die Beute, die stolz du dem Schwächern geraubt, Packrecht gilt auch für den Schwächsten, drum lass ihm die Haut und das Haupt. Die Beute des Packs gehört allen, sie teilen und fressen sofort, Dem Tode bist du verfallen, verschleppst du ein Stück nur vom Ort. Die Beute des Wolfes gehört ihm nur, er macht mit ihr, was ihm beliebt, Das Pack darf nur daran rühren, wenn er die Erlaubnis ihm gibt. Das Wurfrecht ist das des Jährlings, vom Pack heischt er es allein, >Maulvoll<, wenn der Jäger gefressen, und keiner darf knurren: nein. Das Lagerrecht eignet der Mutter, wer mit ihr vom gleichen Jahr, Bringt einen Schenkel der Beute den hungrigen Wölflingen dar. Das Höhlenrecht eignet dem Vater- zu jagen, wie ihm gefällt. Dem Pack ist er nicht verpflichtet, dem Rate nur unterstellt. Leitwolf ist der Älteste, Schlaueste, der Stärkste an Zahn und an Pfot! Und lässt das Gesetz eine Lücke, so gilt sein Wort als Gebot. Das sind die Gesetze der Dschungel, und zahlreich sind sie und stark, Doch >Gehorch!< ist Kopf des Gesetzes, sein Buckel, Huf, Hüfte und Mark. Aus dem Buch "Das neue Dschungelbuch" von Rudyard Kipling |
| La Loba Es gibt eine alte Frau, die an einem verborgenen Ort lebt, den alle kennen, der aber nur wenigen Menschen zugänglich ist. Die Alte sieht wüst aus und wird oft als über und über behaart und ziemlich fettleibig beschrieben. Aber wer weiß; sie meidet meist die Gesellschaft der Menschen und entzieht sich ihren Blicken. Es heißt, dass sie in einer Berghöhle zwischen den Steilhängen des Tarahumara-Indianerreservats haust, andere behaupten, sie am Rande des Highway bei El Paso gesehen zuhaben, und wieder andere, sie sei in einem verbeulten Lastwagen mit zerschossenem Rückfenster in der Nähe von Oaxaca Richtung Süden gefahren. Die Alte hat viele Namen: La Huesera, die Knochenfrau, La Trapera, die Fängerin, aber vor allem wird sie La Loba genannt, die Wolfsfrau. Sie kriecht tief gebückt durch die Arroyos, die ausgetrockneten Flussbetten, und klettert über die Bergkämme, dabei sucht sie unter jedem Strauch und Stein nach Bärenknochen, Krähenleichen, Schlangenhäuten, aber ganz speziell sucht sie nach den Gebeinen toter Wölfe, denn den Wölfen gilt ihre tiefste Liebe. Und wenn sie ein vollständiges Skelett zusammengetragen hat, wenn auch der letzte Rückenwirbel sich am rechten Platz befindet und das Wolfsgerippe schön säuberlich geordnet vor ihr im harten Wüstensand liegt, dann lässt sie ihre faltigen Hände darüber schweben und singt. Mit erhobcnen Armen steht sie über dem Wolfsgebein und lässt den Gesang ertönen, der ihr für diese Kreatur, ganz allein für diese eine, eingegeben wird. Und dann dauert es nicht mehr lange, bis eine Spur von Fleisch über den Knochen sichtbar wird, bis eine Spur von Haut und Fell das Fleisch überzieht. La Loba singt, und die Kreatur unter ihr nimmt zusehends Gestalt an. Jetzt beginnt der Schwanz zu zucken, und nun wird er buschig und peitscht den Sand schon vor Ungeduld. La Loba singt weiter, inbrünstig weiter, bis der Wolf zu atmen beginnt. Lauter und tiefer wird ihr Gesang, so tief, dass die Bergwände zittern, und während sie noch so herrlich singt, öffnet der Wolf seine gelben Augen, springt auf und rast durch den Canyon davon. Auf und davon. Nur wer Augen hat, die das Geschöpf bis zum fernen Horizont verfolgen können, sieht, dass er sich von einem Moment zum anderen wieder verwandelt und die Gestalt einer Frau annimmt -einer Frau, die sich laut auflachend schüttelt und hinter dem Horizont verschwindet- Deshalb sagt man, dass du Glück haben kannst, wenn du allein in der Wüste herumläufst und dir ein wenig verloren vorkommst und womöglich schon todmüde bist, denn wer weiß? Vielleicht findet die alte Lobafrau Gefallen an dir und zeigt dir etwas vom Leben der Seele. Indianische Sage aus dem Buch "Die Wolfsfrau" von Clarissia Pinkola Estés |
Mit den Augen eines Wolfes Seit den Zeiten, als nur Sonne und Mond uns Licht gaben, kannte ich Dich. Aus den riesigen und undurchdringlichen Wäldern heraus beobachtete ich Dich. Ich war Zeuge, als Du das Feuer bändigtest und fremdartige, neue Werkzeuge machtest. Von den Kämmen der Hügel und Berge aus sah ich Dich jagen und beneidete Dich um Deine Jagderfolge. Ich fraß Deine Beutereste und Du fraßt meine Beutereste. Ich lauschte Deinen Gesängen und sah Deinen Schatten um die hellen Feuer tanzen. In einer Zeit, so weit zurück, dass ich mich kaum mehr erinnern kann, schlossen sich einige von uns Dir an um mit Dir an den Feuern zu sitzen. Sie wurden Mitglieder Deines Rudels, jagten mit Dir, beschützten Deine Welpen, halfen Dir, fürchteten Dich, liebten Dich. Und für sehr lange Zeiten lebten wir so zusammen, denn unsere Wesen waren sich sehr ähnlich. Deswegen hast Du die Zahmen von uns adoptiert. Ich weiß, einige von Euch respektieren auch mich, den Wilden. Ich bin ein guter Jäger. Auch ich respektierte Dich. Auch Du warst ein guter Jäger. Ich sah Dich oft gemeinsam mit den Zahmen Beute erlegen. In jenen Zeiten gab es alles im Überfluss. Es gab nur wenige von Euch. Die Wälder waren groß. Wir heulten zusammen mit den Zahmen in der Nacht. Einige von ihnen kehrten zu uns zurück, um mit uns zu jagen. Einige von ihnen fraßen wir, denn sie waren uns zu fremd geworden. So lebten wir zusammen für lange, lange Zeiten. Es war ein gutes Leben. Manchmal stahl ich von Deiner Beute, und Du stahlst von meiner Beute. Erinnerst Du Dich, wie Dein Rudel hungerte als der Schnee hoch lag? Du fraßt die Beute die wir erlegt hatten. Das war unser Spiel. Das war unsere gegenseitige Schuld. Manche nannten es ein Versprechen. Wie viele der Zahmen aber wurdest auch Du uns immer fremder. Wir waren uns einst so ähnlich, aber jetzt erkenne ich einige der Zahmen nicht mehr und ich erkenne auch einige von Euch nicht mehr. Du machtest auch die Beute zahm. Als ich begann, Deine zahme Beute zu jagen (es waren dumme Kreaturen auf die die Jagd keine Herausforderung war, aber die wilde Beute war verschwunden), jagtest Du mich und ich verstand nicht, warum. Als Deine Rudel immer größer wurden und begannen, gegeneinander zu kämpfen, sah ich Eure großen Kriege. Ich fraß jene, die Du erschlagen hattest. Dann jagtest Du mich noch mehr, denn für mich waren sie Nahrung, aber Du hattest sie getötet. Wir Wilden sind nur noch wenige. Du zerstörtest unsere Wälder und brachtest viele von uns um. Aber ich jage immer noch und füttere meine versteckten Welpen, wie ich es immer getan habe. Ich frage mich, ob die Zahmen eine weise Wahl trafen, als sie sich Euch anschlossen. Sie haben den Geist der Wildnis vergessen. Es gibt viele, viele von ihnen, aber sie sind mir so fremd. Wir sind nur noch wenige und ich beobachte Dich immer noch, um Dir auszuweichen. Ich denke, ich kenne Dich nicht mehr länger. (Canis lupus) Quelle: Buch "Brother Wolf" von Jim Brandenburg |
| Wulf und Wulfins Fass In jenen langen Jahren, als er Weisheit fand, reiste Wulf aus dem Herzland, in dem er geboren worden war, an die kalte, graue Ostsee im Norden und von dort zur Wärme der Adria im Süden. Dann wanderte er von den Dünenlandschaften der Atlantikküste auf der Iberischen Halbinsel quer durch bis zum Ural, dem Gebirge tief im russischen Hinterland, das die östliche Ausdehnung seines Territoriums markierte. So entstanden die Wolfswege, und die Plätze, an denen Wulf sein müdes Haupt zur Ruhe legte, wurden zu den heiligen Orten, die er in ihrem urtümlichen Zustand kennen lernte. Damals befreite er aus Felsen und Bäumen und einsamen Seen die anderen Wolfsgötter, die sein Rudel bilden sollten. Diese Götter wanderten in seinem Gefolge und halten ihm die letzten Wolfswege zu schaffen. Als er sich dem Alter der Reife näherte, fühlte Wulf das Verlangen nach einer Gefährtin, die ihm an Stärke und Weisheit ebenbürtig wäre und ihm helfen sollte, das Rudel zu führen. Doch es gab keine Gefährtin für ihn und die Wolfswege schienen alle vollendet zu sein, außer dem letzten der zurück zu dem Ort führte, von dem er ausgegangen war, zu dem Felsen, der Wulfsfelsen hieß und sich in der geheimen Mitte der nebligen Höhen des Herzlandes erhob. So kam es, dass er um die Zeit seiner Reife ans Ende seiner Reise gelangte, dorthin, wo seine irdischen Wanderungen begonnen hatten. Auf dem Felsen, aus dem er ausgebrochen war, um frei zu sein, wartete Wulfin, die Wölfin. Woher sie gekommen war, wusste er nicht, denn Wulfin, die Mutter, die andere Seite des Lichts, die andere Seite der Finsternis, ist ein Mysterium wie Wulf selbst. Er wusste nichts über sie, aber er sah sie und wurde von ihr angenommen, und jetzt war das Rudel der Götter fast vollständig. Jedoch noch nicht ganz. Denn Wulf und Wulfin paarten sich und bestimmten, dass ihre Jungen die sterbliche Wolfheit bilden und zusammen, alle sterblichen Wölfe gemeinsam, der zuletzt gefundene Wulf sein sollten - jeder sterbliche Wolf Teil von etwas, das größer war als er selbst und dessen Wahrheit sie während ihres Lebens nur erraten und erst nach ihrem Tod völlig erkennen konnten. Einzeln, für sich allein, waren die erdgebundenen Wölfe sterblich, alle zusammen als Einer waren sie ein weiterer Gott. So zogen die Götter die sterblichen Jungen auf, und jeder von ihnen gab seine Weisheit auf seine eigene Art an sie weiter - das Wissen von Felsen, Bäumen und Seen, das Wissen vom Leben, das Wissen vom Tod und das allergrößte, die Furchtlosigkeit, durch die das Selbst stirbt und die Wolfnatur erneut gefunden wird. Die Jungen wuchsen heran, und Wulf und seine Mitgötter, männliche wie weibliche, gerieten in Erregung über das, was geschah. Einige hatten Verlangen nach ihnen, und andere waren eifersüchtig auf sie, denn Götter haben besondere Schwächen. Also bestimmte Wulf, dass sich kein Wulf zu einem sterblichen Wolf gesellen solle. So würde die sterbliche Wolfheit ihren Ursprung vergessen und die Götter, die sie hervorgebracht und genährt hatten, würden für die sterblichen Wölfe unsichtbar sein. Wenn einer der Götter dieses Gesetz bräche und sich mit einem sterblichen Wolf zusammentäte, dann solle seine Strafe und Qual so viele Jahre dauern, wie er Tage mit dem sterblichen Wolf verbracht hatte. Dies bestimmte Wulf inmitten der Überreste des Wulfsfelsens, der ihn geboren hatte und er sagte: "Lasst sie ihren Ursprung nicht wissen, denn sonst werden sie davon träumen, was sie sein könnten, und sie werden ihre Augen nicht dem öffnen, was sie sind. Jedoch werden sie uns daran erinnern was wir sind, und mit ihrer Sterblichkeit werden sie uns lehren, unser Sein zu ehren. Als Gegenleistung werden wir über sie wachen und sie leiten, wie die Schatten und das Licht des Waldes mich geleitet haben, als ich die Wolfswege schuf, damit alle folgen können." "Doch lass ihnen eine ferne Erinnerung an uns", fügte seine Gefährtin Wulfin weise hinzu, "lass sie manchmal in die Sterne schauen, auf dass sie dort die Abbilder der Wolfswege sehen, die du geschaffen hast, damit etwas von unserer Göttlichkeit zu ihnen gelangt, wenn sie bedrückt und voller Furcht sind und wenn sie träumen und unseren Mut suchen. Lass sie auch im Innersten ihres Herzens wissen, dass sie zusammen einen Wulf bilden, der uns gleich ist und von uns geachtet und geliebt wird. Denn ein solcher Glaube an sich selbst wird sie dazu bringen, uns zu ehren und alles, was wir ehren: Alles Leben, die Einheit aller Dinge." Wulf der Große schaute auf die Jungen, die er gezeugt hatte, wie sie zwischen den Felsbrocken des Wulfsfelsens spielten, und sagte: "So soll es sein." Dann nahmen die Götter von den sterblichen Jungen Abschied, einer nach dem anderen. Sie beobachteten traurig, wie ihre Schutzbefohlenen sie aus ihrem Blickfeld weichen sagen, zurück in die Gestalten von Felsen, Bäumen und Seen, aus denen sie einst von Wulf befreit worden waren, bis nur noch der Wind zurückblieb und von dem flüsterte, was gewesen war. Nun waren die sterblichen Wölfe allein auf der Erde und wussten nicht, dass die Götter ihnen so nah waren, in Felsen, Bäumen und Seen, und sie empfanden nur den Verlust von allem, was sie großgezogen und ihnen Liebe gegeben hatte. Die Jungen waren verwirrt. Halb erinnerten sie sich daran, was sie verloren hatten, halb glaubten sie, sie seien mehr, als jeder von ihnen als einzelner war. Dann mühten sie sich zu suchen, was sie nicht finden konnten. Die sterbliche Wolfheit zerstreute sich aus dem Herzland, folgte den Wolfspfaden, die Wulf selbst angelegt hatte, wanderte an den heiligen Plätzen vorüber, wo er sich ausgeruht hatte, vergaß ihre Vergangenheit und ihre Aufzucht, vergaß am Ende sogar, dass das Herzland die Heimat gewesen war, und lernte stattdessen, es zu fürchten und sich nie den nebligen Höhen zu nähern, wo sich der Wulfsfelsen erhob. Doch in der Seele eines jeden Wolfs blieb ein wunderbares Echo jenes sagenhaftes Ortes zurück. In der Erinnerung eines jeden Rudels haftete, von Generation zu Generation weitergegeben, ein Teil der Wahrheit, nämlich dass die Wolfheit selbst ein Wulf war und dass sie einmal in ihrer Vergangenheit eins gewesen waren, von göttlicher Natur und ewig Jahrtausende hindurch wanderten die Wölfe ohne Furcht, Herren des Territoriums, das Wulf ihnen bereitet hatte, und sie ehrten das übrige Leben - sogar die Menschen -, so wie große Katzen, die gefährlichen mit den Säbelzähnen, die vom Kriegswulf Smilodon angeführt wurden. Die Zeit verging, und die Schatten wurden länger über der Erde, als die Menschen aufhörten zu jagen und zu sammeln und stattdessen Siedlungen anlegten und so die Berührung mit der Wildnis verloren. Um diese Zeit war es, dass die Menschen zum Fluch der Wölfe wurden, zu dem Dämonen, zur Fäulnis in der wilden Rose des Lebens. Sie, die einst schwach gewesen waren, wurden jetzt stark. Die Menschen bauten ihre Palisaden und trennten sich von de Leben auf der anderen Seite. Sie schliefen unruhig, aus Furcht, ihre Palisaden könnten umfallen. Sie stießen um sich und wälzten sich herum und schufen sich Albträume aus dem, was jenseits der Palisaden lag, und ihre Ängste bündelten sich in der Gestalt des Wolfes. Die in der natürlichen Welt Verbündete gewesen waren, wurden zu Feinden. Die Menschen erklärten den Wölfen den Krieg und sagen in deren glänzenden, grimmigen Augen und gierigen Zähnen eine Wildnis, die sie jetzt fürchteten. Die Menschen gruben und bauten, schaufelten und rammten, töteten Tiere und Pflanzen - und töteten sogar einander selbst. Aber wie die Pilze, die in umgestürzten Wäldern gedeihen, ernährten sie sich vom Verfall und wurden dick vom Tod. Damals begann die Zerstörung der alten Wolfswege und auch der heiligen Plätze, wo die Wölfe ihre Gemeinschaft mit den Göttern und der Wildnis herbeigeheult hatten. Selbst dorthin drang die Entweihung durch die Menschen und breitete sich aus. Die Menschen bauten ihre Palisaden quer über die Wolfswege, und dort, wo die Wolfswege die Gewässer und die Flüsse überquert hatten, wo die Wölfe Halt machen und trinken und sich in den lauteren Wassern des Lebens reinigen konnten, wurden Brücken gebaut, die die Menschen für hochheilig erklärten. Die Wölfe, die dachten ihre Wege seien noch sicher, kamen zu diesen Brücken in aller Unschuld, doch die Menschen töteten sie. Dann begann wahrlich die Zeit von Furcht und Schrecken. Wölfe wurden lebendig an ihren Pfoten an die hölzernen Pfeiler der Brücken genagelt, damit andere sie sehen und als Warnung nehmen sollten. Einige Wölfe wurden enthauptet, ihre Köpfe wurden aufgespießt, als Zeichen der Stärkte und der Entschlossenheit der Menschen. Die abergläubischen Menschen aßen Wölfe und bildeten sich ein, sie würden so die Wildnis verschlingen und zähmen. Wölfe wurden geblendet und kastriert, und die Ungeborenen wurden aus den Leibern ihrer Mütter gerissen und bei lebendigem Leibe verbrannt, den Wolfsgöttern zum wilden Hohn. Doch nur wenige Wölfe, die solche Schrecken beobachteten, überlebten. Die meisten von ihnen lebten und starben fern von den Menschen, erfuhren nie etwas von der Finsternis, die mitten unter ihnen aufkeimte, und sahen oder hörten ihren Feind nicht kommen, bis es zu spät war. So kam es, dass die arglosen Wölfe altes Wissen lernten, das Ehrfurcht vor den Menschen, den Plätzen und voreinander lehrte. "Lasst eure Brüder und Schwestern Plätze haben, so wie ihr die euren habt, und wenn sie euch das Eure nehmen, dann denkt daran, dass sie irgendwo etwas verlassen, was dann frei ist. Nach Norden mag ein Wolf gehen, meine Lieben und nach Süden, nach Osten mögt ihr wandern, oder nach Westen: Zu allen Plätzen führen die Wolfswege und ein Wolf der sie kennt, kann immer seine Bestimmung finden." So wurden die Wölfe gelehrt, dass die Erde allein gemeinsam gehört und dass ein Wolf, der zu viel für sich nehmen möchte, daraus keinen Nutzen haben wird. Auch kann kein Wolf die ganze Erde kennen, denn niemand als die Götter selbst kann alle Orte kennen oder an allen Orten zugegen sein. Ein Wolf sollte sich trösten zu wissen, dass es immer einen Platz für ihn gibt. Wenn Wolfsjunge diese Dinge lernten, dann lernten sie auch, dass , wie der Leib ihrer Mutter ein Ort der Sicherheit, des Trostes und des Friedens ist, das Herzland den Zufluchtsort der Wolfheit darstellt, ihren Anfang und ihr Ende. Einige wenige Wölfe stellten Vermutungen darüber an, wo dieser Ort war, und manchmal wagten sich Pilger, Ausgestoßene oder Träumer weit weg von ihrem Heimatterritorium fort, um den Weg ins Herzland zu suchen, um dort ihren Traum auszusprechen, dass sie einst auch zu den Göttern gehörten und wieder Götter sein wollten. Aber nach der Zeit, als die Wolfswege von den Menschen unterbrochen wurden, ging der Heimweg in das Herzland verloren. Warum haben dann die Götter der sterblichen Wolfheit nicht geholfen, den Aufstieg der Menschen zu verhindern? War das nicht ihre Aufgabe? Oder lag es daran, dass sie es nicht sahen? Die Wahrheit ist, dass die Götter so fehlbar und blind wie ihre sterbliche Wolfheit sein können - und noch anmaßender. Als die Menschen ihr unerbittliches Zerstörungswerk fortsetzten, waren die Götter nicht bereit zu sehen, dass ein Fluch über die Wolfheit hereinbrach, Doch jetzt war das ureigene Verhängnis des Wolfes nahe. Unter den Göttern sah es der am wenigsten, der der Weiseste von ihnen hätte sein sollen: Wulf selbst. Und warum? Weil er sein eigenes Gesetzgebrochen und sich zu einer sterblichen Wölfin gesellt hatte. Das erste Mal, als Wulf mit seiner sterblichen Gefährtin zusammenging, vergab ihm Wulfin, und Wulf schämte sich. Das zweite Mal vergab ihm Wulfin, und Wulf war zornig. Das dritte Mal... Als Wulf zum dritten Mal mit seiner sterblichen Gefährtin ging, war der Himmel voller Sternschnuppen, die Erde erbebte unter fallenden Meteoriten, und die Wälder standen das ganze Jahr seiner Sünde in Flammen. Seine sterbliche Gefährtin empfing einen Wurf. Als Wulfin Wulfs Sünde nicht verzieh, sagte er stolz: "Aber ich bin Wulf, und du kannst mir kein Leid antun." Sie tat es auch nicht, denn sie brauchte es nicht zu tun. Der Götter eigene Gesetzt waren von Wulfs selbst gebrochen worden und so wie eine Rose von dem verborgenen Wurm in ihrem Inneren verzehrt werden kann, so begann Wulf selbst zu sterben. Während der Bauch seiner sterblichen Gefährtin zunahm, wurde er schwächer, Tag um Tag und Monat um Monat. Er verlort seine Führungsstellung an Wulfin. Auch Götter müssen nach dem Gesetzt leben - und auch unter dem Gesetz leiden. Wulfin hatte die Gefahr gesehen, die in der zunehmenden Stärke der Menschen und der bösen Natur ihrer Angst lag. Sie war maßlos zornig, dass ihr Gefährte das Rudel der Götter selbst so gefährdet hatte, als er seine Stärke einer sterblichen Wölfin geschenkt hatte. Wulfin erklärte, was bald geschehen würde." Nach dem Gesetz, das du selber geschaffen hast, wirst du für schuldig befunden, und mit der Strafe, die du festgelegt hast, sollst du selbst gestraft werden. Tausend Tage bist du mit einer sterblichen Wölfin gegangen. Tausend Jahre musst du nun mit den sterblichen Wölfen laufen und ihr Leid und ihr Elend kennen lernen. Du, der du hättest sehen sollen, wie die Stärke der Menschen zunimmt und die Wildnis verdirbt, du wirst nun diese Qualen ein ganzes Jahrtausend lang erleiden. Du selbst sollst eines der beiden Jungen sein, die von deiner sterblichen Gefährtin geboren werden, und da du die sterbliche Wolfheit ihren Ursprung nicht hast wissen lassen, wirst auch du vergessen, was du einst gewesen bist. Du sollst von gewöhnlichen Wölfen geboren werden, um wie sterbliche Wölfe zu sterben und wieder geboren zu werden, Leben um Leben, ohne zu wissen, was du einst warst. Du sollst Tod um Tod erleiden und in jedem Leben wieder etwas lernen von dem, was ein Wulf wissen sollte. Jedes Mal sollst du etwas wissender wieder geboren werden. Und wie deine Weisheit zunimmt, so soll auch dein Leiden zunehmen. Bis ein Leben für dich kommt, mehr als neunhundertneunzig, sterbliche Jahre von jetzt an, in dem du alles lernen musst, was du aufs Neue in einem Leben gelernt hast, alles erleiden musst, was du erlitten hast, alles verlieren, was du verloren hast, und doch musst du noch immer streben, deinen Kopf zu den Sternen zu heben, und zu sehen, was du einst verloren hast. Wenn du dann noch die Stärke hast, der Wulf zu sein, der du einst warst, dann wirst du einmal mehr auf dich als Wulf erheben. Wenn nicht, dann wird die Wolfheit sterben." Der sterbende Wulf starrte seine Wulfin an, blickte in ihre klaren Augen und sah, was er verloren hatte. Er sah, dass er sie liebte und dass sie, trotz allem, auch ihn liebte. "Und was ist mit dem anderen Jungen, das meine sterbliche Gefährtin zur Welt bringen wird?" flüsterte er. Wulfin schwieg lange, unsicher, ob sie sagen sollte, wer dieses Junge sein musste. Aber dann sagte sie schließlich: "Dieses Junge erde ich selbst sein, damit du nicht allein auf der Erde bist, und damit dich all dein Leiden hindurch ein anderer sterblicher Wolf wahrhaft liebt." "Wirst du wissen, wer ich bin?", fragte Wulf, als aus dem Herzland der Wölfe das Geburtsgeheul seiner sterblichen Gefährtin ihn hinab zur Erde zu rufen begann, hinein in ein dunkles Jahrtausend der Sterblichkeit. "Ich werde nicht vergessen", flüsterte Wulfin und berührte ihn. "Ich werde wissen, aber mit wem kann ich mein Leiden teilen? Gewiss bin ich mitverantwortlich für deinen Fall, und mein Leiden wird sein, das Leiden all deiner Leben zu beobachten und unfähig zu sein, dir wirklich zu helfen, bis das letzte deiner Leben anbricht." Wulf sah, wie tief ihre Liebe für ihn war. Als er starb, war sein Geheul schwach und sanft, wie das Gefiepe eines Jungen, das nach der Wölfin ruft, die es noch nicht sehen kann. So fiel Wulf von den Göttern zur Erde, und so folgte ihm Wulfin, um sterblich wieder geboren zu werden und den Fluch eines dunklen Jahrtausends zu durchleben; der eine, um danach zu streben, wieder die Welt als Wulf zu sehen, die andere, um dem, den sie liebte, all den Trost zu bringen, den sie konnte. Mit dem Fall von Wulf und Wulfin zu der Zerstreuung des Rudels der Götter begann Rudel um Rudel der sterblichen Wölfe seinen Glauben zu verlieren. Überall in Wulfs Territorium fanden die Menschen die Wölfe schwach. Mehr und mehr Wolfspfade wurden zerschnitten, die Rudel wurden getrennt. Der Feldzug zu ihrer Ausrottung hatte mit dem Beginn dieses verhängnisvollen Jahrtausends angefangen. Stolz und Torheit, Untreue und Versagen in der Liebe, sie brachten die Wölfe zu Fall und bewirkten, dass sie fast ausgerottet wurden in der Zeit, die auf Wulfs Bestrafung folgte. Schlimmer noch war das Vergessen, denn wenn Gemeinschaften zerbrechen, wenn nicht einmal die Wanderer weit reisen können, ohne zu Ausgestoßenen ihrer Art zu werden, dann verschwindet mit dem Tod eines jeden Wolfes etwas von der Vergangenheit, sodass jede Gemeinschaft nur noch Bruchstücke dessen hütet, was sie einst wusste und gemeinsam hatte. Selbst die Geschichten von den Göttern und von dem Fluch, der auf Wulf ruhte, gerieten fast in Vergessenheit, außer dass irgendwo in den verflossenen Jahrtausend ein Wolf, der - ohne es zu wissen - Wulf selbst war, lebte und starb und wieder geboren wurde, jedes Mal ein wenig weiser, nie wissend, was er war, aber immer bestrebt, wieder die Göttlichkeit zu finden, die er gekannt und verloren hatte und die für alle Ewigkeit wieder zu gewinnen er schließlich in seinem letzten Leben noch einmal Gelegenheit haben würde. Quelle: Buch Die Wölfe der Zeit - Die Reise ins Herzland von William Horwood |
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